Brauchen wir mehr Emotionen in der Politik?

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Beim Berliner Theatertreffen befragt eine Konferenz die „Kunst der Demokratie“ in Zeiten der Krise. Ein Gespräch behandelte das spannungsvolle Verhältnis von Politik und Emotion.

Mindestens ein Gutes hat der Aufstieg des Rechtspopulismus in der westlichen Welt: Die Gesellschaften politisieren sich wieder. Politik und Demokratie bestimmen wieder die öffentliche Debatte, auch in der Kunst. Das gerade stattfindende Berliner Theatertreffen etwa präsentiert neben den besten Inszenierungen des vergangenen Jahres und einer Auswahl neuer Stücke zum ersten Mal auch eine Konferenz mit dem Titel „The Art of Democracy“, die sich mit der Demokratie in Krisenzeiten befassen soll. Sieben Veranstaltungen zu Kunst und Politik, der Macht der Sprache und der Zukunft der Demokratie. Den Abschluss des ersten Abends machte am Donnerstag ein Gespräch zum Thema „Emotionen statt Fakten?“ Der Erfolg des Populismus wird ja häufig so gedeutet, dass er in besonderem Maße über Gefühle funktioniert – zumeist negative wie Wut oder Angst –, diese aufnimmt oder auch erst schürt. Die fragende Zuspitzung jedoch, dass diese neue Emotionalität generell zulasten der Fakten gehe und somit die Rede vom ‚Postfaktischen‘ legitimiere, relativierte der Ankündigungstext durch die zentrale Frage: Brauchen wir mehr Emotionen in der Politik?

Dennoch begann Adam Soboczynski, Feuilletonchef der Wochenzeitung Die Zeit und Moderator des Abends, mit der Frage, ob man sich gegenüber dem vor allem durch Donald Trump hochemotionalisierten US-Wahlkampf in Deutschland mit der nüchternen Merkelpolitik nicht etwas wohler fühlen könne. Darauf wollte sich die in den USA tätige Sprach- und Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling allerdings nicht einlassen. Trumps Wahlkampf sei bei aller scheinbaren Emotionalität zugleich hochideologisch, die Emotionen letztlich vor allem als Begleitphänomene an ideologische Prämissen gekoppelt gewesen. Diese Koppelung aber funktioniere über sprachliches Framing. Ein anschauliches Beispiel aus Deutschland sei etwa die Rede von der „Flüchtlingswelle“ oder gar „-flut“. Durch eine simple sprachliche Operation wird hier die Rolle des Opfers von den Geflüchteten auf die sie Aufnehmenden übertragen und damit Angst vor einer vermeintlichen Bedrohungssituation geschaffen. Doch auch das weniger dramatische Beispiel, ob man nun davon spreche, Steuern „zu bezahlen“ oder „beizutragen“, zeige, dass es in der Politik keine neutrale Sprache gebe.

Das bestätigte auch der Politikwissenschaftler Gary Schaal. Denn auch Angela Merkels vermeintliches Ausblenden von Emotionen aus der Politik sei selbst nur ideologische Machtstrategie einer Politik, die sich als alternativlos darstellen wolle. Die scheinbare emotionale Neutralität sei dabei aber weder besonders sachbezogen noch rational, sie wolle nur – oft mit Erfolg – dafür gehalten werden. Emotionen aus der Politik fernzuhalten, sei darüber hinaus weder möglich noch wünschenswert. An völlig rationalen politischen Prozessen würde sich letztlich niemand beteiligen wollen. Diese These untermauerte die Politologin Farah Dustdar mit Ergebnissen der Hirnforschung. Denen zufolge gebe es den geistesgeschichtlich so eingespielten Widerspruch zwischen Gefühl und Vernunft überhaupt nicht. Am Anfang einer jeden scheinbar rationalen Entscheidung stehe ein Gefühl, das zu ihr führt. Und auch die Entscheidung selbst soll letztlich wiederum ein gutes Gefühl erzeugen, und eben darin bestehe ihre Rationalität.

Sind Gefühle rational?

Diese Einigkeit durchbrach allein der Philosoph und Theoretiker Armen Avanessian, der als Vertreter der politisch-philosophischen Strömung des Akzelerationismus wohl auch eben dazu eingeladen war. Denn der Akzelerationismus favorisiere Rationalität, konkret Wissenschaft und Technologie. Mit wissenschaftlicher Trennschärfe forderte Avanessian daher zunächst einmal eine Differenzierung zwischen den meist unbedarft synonym verwendeten Begriffen Emotion, Affekt und Gefühl. Die politisch-operative Entsprechung aber zur Dichotomie des Affektiven und des Rationalen sei die zwischen dem Lokalen und dem Globalen. Der Akzelerationismus versuche, der folkloristischen „Lokal“-Politik der direkten Aktionen eine globale Strategie an die Seite zu stellen. Denn politische Probleme könne man nicht mit Emotionen lösen.

Schaal versuchte hier zu erklären, dass die politsche Theorie generell an einer Emotions­aversion leide, weil sie angesichts von Gefühlen leicht Angst vor einem Kontrollverlust der Masse bekomme. Avanessians Mahnung zur Differenzierung nahm er auf, indem er angeborene Basisemotionen wie Angst von solchen unterschied, die gesellschaftlich konstruiert seien, wie etwa Sehnsucht oder auch Patriotismus. Avanessian fügte hinzu, dass ja sogar die Klassifikation etwa von Patriotismus als Emotion schon historisch-gesellschaftlichem Wandel unterliegen könne, ebenso die Beurteilung dieser Emotion als gut oder schlecht. Interessant am Fall Merkel, die von der liberalen Presse zur letzten Fackelträgerin der Aufklärung stilisiert werde, sei nun, dass durch Trump offenkundig das Modell liberaler Demokratie überhaupt in die Krise gekommen sei. Die Emotionen der Trump-Anhänger seien aber mitnichten nur irrational. Ihre hintergründige Rationalität bestehe hingegen darin, der Krise eines politischen Systems Ausdruck zu verleihen.

Die Differenzierung des Patriotismus trieb nun auch Wehling voran, die zu dem Thema verschiedene Studien durchgeführt hat. Patriotismus trete demnach in einer auf Empathie basierenden, progressiven, und in einer auf Abschottung zielenden, konservativen Form auf. Ob er hingegen auch als eine Mischung aus beidem auftauchen könne, verriet Wehling nicht. Sie fuhr allerdings fort, dass bei Konservativen die neuronale Reaktion auf den auch als politische Metapher sehr beliebten emotionalen Komplex des Ekels, inklusive seiner Gegenwelt der Reinheit, bedeutend stärker ausgeprägt sei. Und damit korreliere noch zusätzlich eine stärkere emotionale Responsivität insgesamt. Das gelte aber übrigens nicht nur für das Zweiparteiensystem der USA, sondern sogar noch stärker für Deutschland.

Als ausgewiesener Theoretiker allerdings verwahrte sich Avanessian gegen eine Empirie der politisch determinierten Gehirne und wollte lieber fragen, was diese Ergebnisse denn für die politische Praxis bedeuteten. Während Dustdar hier eine neue emotionsbasierte Handlungstheorie als Alternative zur Rational-Choice-Theorie forderte, antwortete Schaal, dass man sich eben nicht fragen solle, wie politische Emotionen eingezäunt werden können. Vielmehr müsse man sehen, wie sie in bestimmte Richtungen instrumentalisiert werden bzw. in andere Richtungen kanalisiert werden könnten. Denn um die Demokratie als politisches System zu bewahren, müsse man mit politischen Emotionen umgehen lernen.

Tom Wohlfarth, Philosoph und Kulturwissenschaftler, ist Mitgründer des Thinktanks denkzentrum|demokratie, das sich unter anderem mit dem Verhältnis von Demokratie und Emotion beschäftigt.

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